Die Niederlage gegen den Virus

Viele begeisterte Motorradfahrer haben sich bereits in früher Jugend einen hartnäckigen Virus eingefangen. Auch mich hat es recht früh erwischt, zumal meine Kindheit in einer Zeit angesiedelt war, zu der, auch noch aus heutiger Sicht, die interessantesten Zweiräder gebaut wurden, die aus mehreren Gründen besonders geeignet waren, das Immunsystem des Menschen zu überwinden.

Ich bin schon oft gefragt worden, weshalb ich denn so ein leidenschaftlicher Motrorradfahrer bin. Nachdem ich mir darüber Gedanken gemacht habe, kommen mehrere Situationen meines Lebens in Betracht, deren Summe wohl dazu geführt hat, dass der besagte Virus mich schon recht früh befallen hat.

Olaf, der Sohn unseres Nachbarn hatte ein Motorrad. Ich fuhr zu dieser Zeit noch mit meinem Bonanza-Rad durch die Stadt und rannte mit der Blechtrommel um den Weihnachtsbaum. In dieser Zeit kann ich mich besonders an einen warmen Sommertag erinnern, an dem Olaf Besuch von anderen Motorradfahrern bekam, um mit denen eine Tour zu unternehmen. Olafs Honda CB750F stand schon bereit auf dem Hof, als sein Kumpel mit einer Kawasaki Z900 um die Ecke bog. Die gut 200m von der Einmündung bis zum Ende der Sackgasse nutzte er, um die Maschine einmal richtig
aufzudrehen. Dank einem ganz sicher nicht serienmässigen Auspuffs begleitete diesen Moment ein intensives, agressives Brüllen. Ich sass mit grossen Augen und offenem Mund auf meinem Fahrrad.
Die Kawa war kaum abgestellt, als auf dem Gelände einer nahegelegenen Tankstelle ein weiteres Motorrad gestartet wurde. Der Weg von der Tankstelle bis zur Einmündung unserer Strasse beträgt ca. 400m, wobei ich zu jeder Zeit die genaue Position des Motorrades erkennen konnte. Ein überaus kraftvolles, energisches Motorgeräusch liess meinen Mund gar nicht wieder zu gehen. Es war nicht vergleichbar mit dem brüllen der Kawa – nein, das Geräusch war erheblich dumpfer, dabei aber in keinster Weise leiser. Einen Momoent später bog dann ein rotes Motorrad in die Strasse ein und tat es dem Kawa-Fahrer gleich, indem auch er das Fahrzeug extrem beschleunigte und dabei zwischen den Häusern ein Gänsehaut-erzeugendes, tiefes Grollen erzeugte. Ich erwartete, dass jeden Moment die Schieferkacheln von den Wänden fallen müssten. Bis in den Magen merkte man die Schwingungen dieses Motors. Es handelte sich, wie sich vielleicht
der eine oder andere schon denken kann, um eine Moto Guzzi LeMans, die ebenfalls keinen Original-Auspuff mehr
besass.
Knapp zehn Minuten zirkelte ich dann noch um die Bikes herum, bevor Olaf mit seinen Kumpanen losfuhr. Hierbei gesellte sich zu der geballten Akustik noch der markante Ton der Honda CB750F mit der 4-4-Auspuffanlage, die nicht nur eine optische Augenweide war, sondern einen ebenso angenehmen, wie durchdringenden Ton erzeugte.
Das muss der Moment gewesen sein, der dafür gesorgt hat, mein Immunsstem in Bezug auf motorisierte Zweiräder nachhaltig zu schädigen. Das Fahrrad fahren hatte seit diesem Moment irgendie nur noch stellvertretenden Charakter. In meinen Gedanken war es kein Bonanza-Rad mehr – es war fortan eine Guzzi, oder BMW oder Honda, ….

Kurze Zeit später stand dann in der Nähe des Hauptbahnhofs eine Honda CBX in silber-metallic. Hier kam ich mit meinen Augen gar nicht mehr von der Krümmerbatterie des imposanten Sechszylinders los. Leider hatte ich zu der damaligen Zeit noch keine Kamera. Ich würde mir heute gern noch einmal ansehen, mit welchen Augen ich als Kind gesehen habe.

Einige Jahre später, ich war mittlerweile motorisiert und bewegte eine Hercules Ultra 80, veranstaltete in Lenhausen der lokale Honda-Händler einen Tag der offenen Tür. Schon auf dem Weg dorthin kam mir in einer Steigung mit satter Geschwindigkeit eine Honda VF750F entgegen. Dies war in dem Jahr das neueste Modell der japanischen Motorradschmiede. Erwartungsvoll fuhr ich dann mit einem Bekannten auf dem Soziussitz in den Ort. Ich wurde nicht
enttäuscht! Anders als heute, war der Tag der offenen Tür ein regelrechtes Volksfest. Verschiedene Honda-Modelle standen zur Probefahrt bereit. Da dieses Special auch rege genutzt wurde, trug ich mich sofort für die MBX80 ein. Mein Bekannter, der bereits den 1ser in der Tasche hatte, entschied sich für die Honda MTX200.
Die Fahrt mit der 80er war erwartungsgemäss nicht besonders aufregend. Die Beschleunigung war ein wenig besser, die Endgeschwindigkeit jedoch deutlich magerer, als ich es von der Hercules gewohnt war.
Dann aber kam der Moment, dass die MTX200 frei wurde. Ich nutzte die Gelegenheit, um auf dem Soziussitz die Fahrt mit zu machen. Boah – ich hatte nie gedacht, dass in so einem kleinen Zweitakter so viel Power stecken kann. Ich hatte alle Mühe, mich festzuhalten, wobei es mir das mit erstaunlicher Regelmässigkeit emporsteigende Vorderrad nicht gerade leichter machte. Mit einer gehörigen Portion Respekt stieg ich dann wieder von dem Motorrad herunter.

Zur Krönung des Tages fuhr dann ein Motorradfahrer mit der schon lange bestaunten Honda CB1100F Super Bol d’or vom Hof. Schon beim starten des Motors war ihm die Show sicher, jedoch was dann kam, das schlug dem Fass glatt den Boden aus:

Langsam, mit kurzen, zaghaften Gasstössen bewegte der Fahrer das Traummotorrad auf die Strasse, um dann im ersten Gang voll zu beschleunigen. Dieses Geräusch, das dann entstand, werde ich wohl mein Leben lang nicht wieder vergessen. Es war irgendwie kein Motorgeräusch mehr, sondern ein wildes, infernalisches Brüllen. Ich bin mir sicher, dass das der Augenblick gewesen ist, der
mein gesamtes Immunsystem zum kippen gebracht hat. In diesem Moment wusste ich, dass auch ich einmal ein grosses Motrrad fahren würde …

Abermals wenige Jahre später hatte ich in Lahnstein bei Koblenz die Möglichkeit, ein richtiges Motorrad zur Probe zu fahren. Es war eine Kawasaki GTR1000, also ein Luxustourer auf damals höchstem Niveau. Meine Freundin Elke begleitete mich bei dieser Fahrt. Auch sie war sehr gespannt auf das, was uns nun erwartete.
Immerhin war das bisher stärkste Motorrad, das ich in meinem Leben bewegt habe, die Fahrschulmaschine, eine Yamaha XS400 mit gerade einmal 27PS. Die Grösse des Reisedampfers machte mir keine Probleme und wir befuhren die Landstrasse entlang dem Rhein. Nachdem wir einige Kilometer später wendeten fühlte ich mich schon vertrauter mit dem Motorrad und wagte es, im zweiten Gang einmal das Gas bis zum Anschlag aufzudrehen. WOW!!!
Das hatte ich dann doch nicht erwartet. Der schwere Reisedampfer machte einen Satz gleich einer Wildkatze, wobei ich selbst und auch Elke überrascht ob der Heftigkeit waren. Klar, 100PS sind schon etwas anderes als 27, aber die Fuhre, komplett ausgerüstet mit Koffern, bringt ja auch einige Kilos mehr auf die Waage. Etwas zaghafter brachten wir das schicke Motorrad dann wieder zurück zum Händler. Nicht aber die Erfahrung, die ich auch heute noch gern herauskrame, da es wie schon gesagt, der erste persönliche Kontakt mit einem wirklich leistungsstarken Motorrad war.

Kurze Zeit später kaufte ich dann die Honda CB450S, mein erstes eigenes Motorrad. Das ist jedoch eine andere Geschichte …
Der Virus war mittlerweile jedenfalls tief in meinem inneren verankert und vielleicht sind es auch diese Momente, die dafür gesorgt haben, dass ein Motorrad für mich nicht nur allein die Funktion des fahrens erfüllen, sondern sich dabei auch
noch gut anhören muss.

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