Die Dicke

Knapp 20000km hat mir die Yamaha SRX 600 treu gedient. Viele gemeinsame Touren haben wir erlebt. Mit der SRX habe ich erst richtig das Motorradfahren erlernt. Erst das fahren mit diesem Motorrad hat mir gezeigt, welch enormen Reserven ich bislang ungenutzt gelassen habe. Für die kommende Saison habe ich mich trotzdem dazu entschlossen, ein etwas kräftigeres Fahrzeug zu fahren. Die SRX fuhr ich in der letzten Zeit ständig am Leistungslimit. Das machte die Fahrerei zunehmend stressig und brachte mich zu der Entscheidung, daß ein deutlich stärkeres Fahrzeug den Zuschlag bekommen sollte.

cbr1000-grDer Blick in meine Taschen zeigte mir einen Etat von ca. 11000,-DM (EUR 5620,-). Die aktuellen Preislisten der in Betracht kommenden Hersteller engte die Auswahl von vornherein ein. Die aktuellen Vierzylinder der 600er Klasse bewegten sich in meinem finanziellen Rahmen. Aber welche Marke sollte es sein?
Mein Yamaha/Suzuki-Händler besitzt mittlerweile mein vollstes Vertrauen. Die Yamaha FZR600 ist sicher auch ein gutes Motorrad. Suzuki mit der GSX600F steht Leistungsmäßig ein wenig hinten an und kommt daher nicht in Frage.
Der nächste Weg führt mich zum Honda-Händler, um die CBR600 zu bestaunen. In Lüdenscheid besuche ich Honda Brune in seinen neuen Räumen und sehe mich um. Beim Gang durch die Reihen fallen mir vier neue Maschinen des Typs Honda CBR 1000F auf. Es handelt sich um das 1999er Modell, also noch die Ausführung SC21. Diese vier Maschinen stehen jeweils zum Sonderangebot von 10500,-DM (EUR 5370,-) zum Verkauf.
Bei meiner Größe von 197cm muss ich nicht lange nachdenken, um darauf zu kommen, daß ich auf der 1000er bequemer fahre. Also schlage ich zu.
Ich handle mit dem Verkäufer aus, daß die Maschine ohne Zuzahlung offiziell auf die offene Leistung gebracht wird. Das bedeutet, daß ich ab dem Frühjahr mit 135PS durch die Gegend fahre. 135PS, ich habe zwar keine Angst vor dieser Leistung, jedoch enormen Respekt.
Die SRX 600 mit gerade einmal 45PS habe ich schon ausgereizt, wenn ich aber an deren Vorgänger, die Honda CB 900 F Bol´d or denke… deren Motor hatte eine Leistung von 95PS. Diese 95PS waren für mich damals schon enorm und zu der Zeit ganz sicher deutlich übermotorisiert.
Und jetzt sollte ich 135PS bändigen…

Mitte Januar hole ich die CBR bei Regen ab. Ich bin vom ersten Meter sehr angetan von dem sanften Lauf des Vierzylindermotors. Aber ich bemerke auch sofort das deutlich steifere Fahrwerk des schweren Motorrades. Sehr unsicher, ja geradezu hölzern bewege ich das starke Motorrad zur heimischen Garage. Dabei nutze ich keine 135PS, nein, nicht einmal die von der SRX gewohnten 45PS werden wohl an die Kette übertragen. Das Motorrad kommt in den Stall und wird dann auf vertretbares Wetter warten müssen.

Es wird später Februar, bis sich die Sonne wieder für längere Zeit sehen lässt. Das Wochenende steht zudem auch noch vor der Tür, also was steht einer ersten richtigen Probefahrt im Weg?
Ich ziehe die, schon lange bereitstehenden, warmen Motorradsachen an und schiebe die neue CBR aus der Garage.
Der große Vierzylinder erwacht sofort beim ersten Knopfdruck zum Leben. Nach einer kurzen Warmlaufphase kann ich bereits den Choke vollkommen zurücknehmen. Ich lege den ersten Gang ein und fahre los. Bei der Fahrt durch den Ort und auch Minuten später, als ich mich bereits auch meiner Hausstrecke befinde, bin ich wieder fasziniert von dem sanften Motorlauf. Das Motorrad macht gar nicht den Eindruck, so extrem stark zu sein. Aber kleine Bewegungen der rechten Hand lassen bereits bei diesen zurückhaltenden Drehzahlen eine Ahnung von dem aufkommen, was später noch folgt.
Eine Sache fällt mir auch jetzt schon auf: Der sehr gute Windschutz sorgt dafür, daß es im Moment noch recht schwierig für mich ist, die gefahrene Geschwindigkeit richtig einzuschätzen. Mehrmals erwische ich mich dabei, wie ich mit Geschwindigkeiten jenseits von 150 km/h auf Kurven zu fahre und dort erst merke, wie schnell ich wirklich bin. Ich muss dieses Motorrad in der Gewöhnungsphase mit einem stets aufmerksamen Blick auf den Geschwindigkeitsmesser fahren.

Mit Schrecken erinnere ich mich an einen Unfall, der im vergangenen Jahr in unserer Stadt geschah. Ein Kunde des ortsansässigen Honda-Händlers bekam eine CBR1000 zur Probefahrt und verschätzte sich offensichtlich gleich in der ersten Kurve extrem mit der Geschwindigkeit. Mit ungeheurer Wucht prallte das Fahrzeug in den Gegenverkehr. Der Fahrer mußte diese kleine Unachtsamkeit mit seinem Leben bezahlen. Solche Vorkomnisse betrachte auch ich, als mittlerweile recht abgebrühter Motorradfahrer, mit gewissem Grauen. Ernsthafte Gedanken an ein Leben ohne Motorräder gehen allerdings zu keiner Zeit durch meinen Kopf.

Es ist zwar kalt heute, aber die Straßen sind abgetrocknet und die Sonne scheint mit lange vermisster Intensität. Nach mittlerweile 120 gefahrenen Kilometern stellt sich mittlerweile auch eine Gewöhnung an die schwere Maschine ein. Das Motorrad kommt mir schon gar nicht mehr so steif vor, wie noch vor kurzer Zeit. Die Kombination aus sehr stabilem Fahrwerk und äußerst kräftigem Motor gefällt mir sehr und schafft schnell Vertrauen. Trotzdem stellt sich bislang nicht einmal ansatzweise das von der SRX bekannte Gefühl der Verbundenheit mit dem Motorrad ein.
An der Staumauer des Möhnestausees lege ich eine Kaffeepause ein. Hier bin ich, trotz der frühen Jahreszeit, nicht allein. Eine Handvoll unerschrockener Motorradfahrer führen ihre Maschinen auch das erste mal dieses Jahr aus. Bei einem Becher Kaffee nehmen wir den ersten Erfahrungsaustausch des Jahres vor.
Überrascht bin ich von der Zusammenstellung der Fahrzeuge: Eine BMW R100GS, zwei GSX-R 750, eine neue Kawasaki GPZ 900, eine Yamaha FZX 750 Fazer und natürlich meine CBR 1000 F stehen auf dem Parkstreifen. Es scheint heute der Tag der starken Motorräder zu sein.
Zusammen mit Peter, dem Fahrer der FZX 750 Fazer fahre ich weiter. Wir fahren ein Stück zurück in Richtung Arnsberg, biegen dann aber nach links zum Südufer des Möhnesees ab. Dieser schönen, kurvigen Passage folgen wir, um dann weiter über Hirschberg nach Meschede zu fahren. Dort, an einer Tankstelle füllen wir die Spritfässer unserer Maschinen auf und erzählen noch ein wenig. Ich schaue mir die Yamaha genauer an. Es ist ein ungewohntes Motorrad, aber auf jeden Fall nett anzusehen. Der zum Einsatz kommende Motor zeigte ja schon in der FZ 750 seine Qualitäten. Für Peter ist es übrigens auch die erste Ausfahrt mit seiner FZX. Er hat die Yamaha im Winter gebraucht gekauft. Auch er war von der ungewöhnlichen Optik der Fazer angetan. Und nun, da er das Motorrad das erste mal fährt, sieht er sich ebenfalls bestätigt. Ein sehr spritziger Vierzylinder mit fünf Ventilen je Brennraum, verpackt in einem Dragsterähnlichen Fahrgestell trifft voll seinen Geschmack.
Unsere Wege trennen sich, nachdem wir uns gegenseitig eine unfallfreie Saison gewünscht haben.
Ich fahre nun ein Stück über die Autobahn bis nach Freienohl. Die Leichtigkeit, mit der die CBR hohe Geschwindigkeiten erreicht, ist unglaublich. Ich halte mich aufgrund des noch neuen Motors dennoch zurück und bleibe bei knapp unter 200 km/h. Man merkt jedoch deutlich, daß hier noch jede Menge Reserven schlummern. Über Sundern und Allendorf komme ich wieder zu meiner Hausstrecke, die ich jetzt schon viel sicherer angehe.
Ich stelle die Honda zufrieden zurück in die Garage und streiche ihr noch einmal liebevoll über den Tank, bevor ich das Tor schließe. Mit diesem Fahrzeug wird die Saison mit Sicherheit aufregend.

Eine Reaktion zu “Die Dicke”

  1. Motorbiketours » Blog Archiv » Gestatten: FZX750 Fazer

    […] Mal eine 750er Fazer in einem vergleichbaren Erhaltungszustand im Jahr 1990 gesehen, als ich meine erste Runde mit der damals neuen CBR1000 (SC21) drehte. Peter, der damalige Besitzer, hatte die Maschine gerade als junge Gebrauchte […]

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