Probefahrt Harley Davidson Dyna Fat Bob

NOK050.jpgSchon lange schiele ich heimlich auf die Eisenhaufen aus Milwaukee. Im August habe ich dann endlich eine Probefahrt vereinbart, die dann aber gründlich schief gelaufen ist, da das Motorrad „plötzlich“ doch nicht verfügbar war.
Kurz später entschuldigte sich dann der Verkaufsleiter persönlich bei mir und bot mir als Entschädigung für ein komplettes Wochenende eine Dyna Fat Bob an.
Dieses Angebot nahm ich dann gern an. Nachdem am Freitag der Bau eines neuen Mountainbikes unerwartet schnell vonstatten ging, machte ich am frühen Nachmittag noch schnell einen Termin aus, das Motorrad abzuholen.

Dieses Mal klappte bei MotoMaxx auch alles bestens. Ich wurde grob in die Bedienung der Harley eingewiesen und schon durfte ich mich mit der Fat Bob auf den Weg machen.

Die ersten Meter ist das Motorrad für mich sehr ungewohnt. Die Schaltung sehr störrisch und laut, die Bremsen nahezu wirkungslos. Aber kaum dem innerstädtischen Verkehr entflohen, zeigt sich das Motorrad von seiner angenehmen Seite. Kraftvoll stampft der Motor auch aus sehr niedrigen Drehzahlen und stemmt das Fahrzeug nach vorn.
Die Dyna-Baureihe kommt ohne Ausgleichswellenschnickschnack aus. Das merkt man der Bob auch sofort an. Die Motorvibrationen sind stets präsent. Das beginnt schon im Stand. Hier scheint die Harley ein Motorrad zu sein, das auch im Stillstand Reifenverschleiss aufweisen muss. Das Rad und nicht nur das Rad vibriert heftig im Motortakt. Durch die Gänge hindurch bleiben diese deutlichen Vibrationen immer dominant.

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Viele sogenannte „Fachzeitschriften“ bemängeln bei Fahrzeugenm, wie dieser Harley die bescheidenen Durchzugswerte. Stimmt! Der Durchzug von 60 auf 140km/h im letzten Gang ist wirklich sehr dürftig. Da ist selbst meine Doppel-X DEUTLICH flotter. Jedoch ist dies darin begründet, dass der sechste Gang eindeutig als Overdrive-Fahrstufe gedacht ist und unter 80-90km/h nicht ruhigen Gewissens gewählt werden sollte. Wenn Durchzug gefragt ist, dann ist ja immer noch der Schalthebel vorhanden. Schaltet man hier in den fünften Gang zurück, dann überzeugen auch die gebotenen Durchzugswerte wieder. Man muss sich nur einmal frei machen, von den üblichen Norm-Geschwindigkeitsbereichen.
Meiner Fahrweise kommt solch ein Getriebe sehr entgegen. Gern tuckere ich mit biedriger Drehzahl durch die Gegend. Schön, wenn das auch noch bei 120km/h auf der Autobahn möglich ist. Versuche ich bei der CBR1100 häufig, im letzten Gang nochmals hoch zu schalten, ist dies hier anders: ich fahre teilweise im fünften Gang, und bemerke dann überrascht, dass ich ja noch eine Fahrstufe zur Verfügung habe.

Die bequeme Sitzposition in Verbindung mit der vorverlegten Fussrastenanlage sorgt auch auf längeren Etappen für entspanntes fahren. Sehr sportlich sollte diese Fahrt allerdings nicht werden. Schaut es links noch ganz manierlich aus, schrabbelt in Rechtskurven schon bei vergleichsweise humanen Kurvengeschwindigkeiten der untere Auspuff auf der Strasse. Das hört sich nicht schön an und wird dann auch schon in Kürze für Korrosion am Auspuff sorgen, da die schützende Chromschicht hier sofort abgerubbelt ist.

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Das zweite, was mir an dem Motorrad nicht gefällt, sind die Reifen. Mit einem fast Enduroähnlichen Profil haben die Reifen gerade auf taufeuchten Strassen am Morgen kein grosses Vertrauen bei mir aufbauen können. Kleinigkeiten zwar, aber eigentlich unnötig.

Die Verarbeitungsqualität des Bikes ist eigentlich ganz ordentlich. Kleinigkeiten sorgen aber auch hier für Unmut. So halten grobschlächtige, sichtbare Befestigungsschellen die Auspuffblenden an ihrem Platz. Ein Massekabel wird an der Gabelbrücke mit einer billigen Sechskantschraube befestigt. Das wäre mit recht wenig Aufwand deutlich eleganter lösbar. Bei den, für diese Bikes eingeforderten Preisen sind diese Details recht traurig gelöst.

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Ein weiterer Minuspunkt, der allerdings Designbedingt ist, ist die sehr mangelhafte Soziustauglichkeit. Mein Sohn ist mit seinen jetzt zeht Lenzen nicht gerade anspruchsvoll, wenn es um die Unterbringung auf dem Motorrad geht. Von Chopper bis zum Sportler hat er in der Vergangenheit alles klaglos mitgemacht. Bei der Fat Bob gab es nun die ersten Klagen. Der Soziussitz ist sehr unförmig und dazu noch arg dünn gepolstert. Er klagte bereits nach 20 Kilometern, dass sein Po weh tut. Die gemeinsame Tour mit Teilnehmern des Street Bob Forums, die wir am Samstag unternahmen, sagte er nur zu, weil er unter seiner eigentlichen Motorradkleidung noch seine gepolsterte Fahrradhose trug. Für ernsthaften Soziusbetrieb ist der Sitz jedoch absolut untauglich!

Was mich an dem vergangenen Wochenende wirklich fasziniert hat, sind die starken, aber nicht störenden Vibrationen des grossen Zweizylinders. Die Vibrationen sind schwer zu beschreiben – sie sind durchdringend und heftig, aber nicht so, dass man sie als störend empfindet. Es klappert oder scheppert nichts dabei. Das zittern gehört halt einfach dazu. Während bei eigentlich allen japanischen Modellen und mittlerweile leider zum Teil auch schon in einigen Harley Baureihen der Charakter der Maschinen durch rotierende Ausgleichswellen ausgewaschen wird, weist die Dyna-Serie diesen noch satt und reichlich auf.

Mit noch keinem Motorrad hat mir in der Vergangenheit das fahren einen solchen Spass gemacht, wie mit dieser Harley-Davidson. So ist es bis jetzt auch noch nie vorgekommen, dass ich nach so kurzer Zeit ein Motorrad mit solcher Wehmut wieder zurück zum Händler steuerte.

Das geht so weit, dass ich eine Dyna Street Bob ernsthaft in die Zukunftsplanung einbeziehe. Ich werde jetzt einmal sehen, ob sich ein Interessent für meine CBR1100XX findet. Bei dem zustand und der geringen Laufleistung des Motorrades sollte sich das jedoch spätestens im nächsten Frühjahr realisieren lassen. Und dann werde ich mal weiter sehen… ;o)

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