Dolomiten 1995

Juliane kommt mit ihrer neuen Yamaha XT600E erstaunlich gut zurecht. Dafür, daß sie gerade erst den Motorradführerschein gemacht hat, geht sie mit sehr viel Selbstvertrauen an die Sache heran. Ebenso hat sie ein gutes Gespühr für Gefahren. Sie geht beim Fahren kein Risiko ein. Eher bleibt sie einen Moment länger hinter einem Auto, als sich und andere durch ein unbedachtes Überholmanöver zu gefährden. Das finde ich sehr gut und verantwortungsvoll!
Wir beschließen daher, direkt im ersten Jahr einen Motorradurlaub in die Dolomiten zu unternehmen.

Zugegeben, der Oktober ist nicht der geeignetste Monat für eine Reise mit dem Motorrad in diese Region. Mehrere Bekannte, die diese Region zum Teil schon mehrmals besucht haben (jedoch mit Skiausrüstung) prophezeien mir viel Spass… im Schnee!
Als Optimist habe ich es trotzdem gewagt. Bei strahlendem Sonnenschein starten wir in Richtung Süden. Wir, das sind meine Freundin Juliane, die als absoluter Führerscheinneuling mit einer Yamaha XT600E mitfährt, ein befreundetes Pärchen mit einer Yamaha XJ900 und ich mit meiner kurz zuvor gekauften Suzuki VS1400 Intruder.
Bereits im Westerwald denken wir an den bekannten Spruch „WENN ENGEL REISEN, DANN LACHT DER HIMMEL“. Jedoch lacht der Himmel bei uns Freudentränen. Also, Regenkombi auspacken und weiter geht die Fahrt. Bis nach Rüdesheim am Rhein hält der Dauerregen an.
Von dort aus fahren wir weiter über die Autobahn bis zum Bodensee, an dem wir in Lindau eine Zwischenübernachtung einlegen. Zwischendurch öffnet sich immer wieder der Himmel, so dass wir die ganze Strecke in den Regenklamotten zurücklegen.
In einem kleinen Hotel mit angeschlossener Pizzeria werden wir trotz unseres feuchten Auftretens freundlich empfangen. Nach einer wohltuenden Dusche lassen wir den ersten Urlaubstag bei einer Pizza und einem Glas Wein ausklingen.

Am nächsten Tag schlüpfen wir als erstes wieder in unsere Regenkleidung. Noch immer hat das Wetter kein Einsehen mit uns. Gemütlich rollen wir weiter in Richtung Süden. Hochtannbergpass, Flexenpass, Arlbergpass – trotz Regen haben die Alpenstrassen ihren Reiz. Am Arlbergpass ist es dann soweit: Die Prophezeiungen meiner Bekannten werden zur Realität… SCHNEE!
Mit äusserster Vorsicht schleichen wir jetzt als Verkehrshindernis weiter. Glücklicherweise soll es aber der einzige Schnee bleiben, den wir während unserem Urlaubs auf der Fahrbahn erleben. Weiter führt uns der Weg über St. Anton, Landeck, und über den Reschenpass nach Italien. Vorbei am Reschensee fahren wir, jetzt wieder bei bestem Wetter, über Meran nach Bozen, wo wir uns auch promt verfahren. Die Fahrweise der Einheimischen ist beim Zirkeln quer durch Bozen dann auch keine große Hilfe. Für mich, als Fahrer der sich normal an Verkehrsregeln hält, verhält es sich so, als ob die Ampeln in Italien nur orientierenden Charakter hätten. Nach ca. 1,5 Stunden finden wir dann aber trotzdem den Weg durch die Eggentaler Schlucht zum Karerpass. GENIAL!
Schroffe Felswände, scheinbar bis zum Himmel, enge Strassen, überhängende Felsen… ein grandioses Erlebnis. Wenn man in der Gegend ist, dann sollte man diese Schlucht keinesfalls auslassen. Es wäre ein gewaltiger Verlust!
Am Eingang wird die Schlucht von zwei Burgen bewacht: Burg Karneid und Schloss Kampenn. Diese Schlucht stellt den Eingang in das gewaltige Reich der Dolomiten dar. Nachdem sich die Eggentaler Schlucht weitet, halten wir uns links in Richtung des Ferienortes Welschnofen, von wo aus es nur noch wenige Minuten bis Karersee sind. Schon auf dem Weg nach Karersee haben wir mehrmals die Sicht auf die Rosengartengruppe. Jeder neue Blick auf dieses Gebirgsmassiv scheint schöner, als der vorhergehende.
In Karersee am Karerpass angekommen, nehmen wir die Schlüssel unseres Ferienhauses in Empfang.
Nachdem das Gepäck eingelagert ist, nehmen wir direkt eine waagerechte Haltung ein… Die Fahrt war anstrengend.

In den folgenden Tagen nahmen wir die schöne Gegend der Dolomiten unter die Räder:
Der erste Tag führt uns über die Dolomitenstrasse nach Cortina. Schon hier bemerke ich den großen Unterschied zu meinen bisherigen Alpentouren. Die Dolomiten sind zwar nicht so gewaltig, wie die Berge der Alpen, jedoch weisen sie eine solch krasse Struktur auf, dass sie auf Anhieb eine bemerkenswerte Ausstrahlung auf mich ausüben. Der Rückweg über kleine Bergstrassen führt uns schliesslich zu einer wunderbar urigen Gaststätte, in der wir freundlich empfangen werden und trotz diverser Verständigungsschwierigkeiten ein herzhaftes Mahl aufgetischt bekommen.
Mit vollem Magen fahren wir zurück nach Karersee. Den Abend nutzen wir zu einem Erkundungsgang durch den Ort, der sich wirklich als nahezu reiner Ferienort zu erkennen gibt.
Für den darauffolgenden Tag nehmen wir uns eine Pässerundfahrt vor.

Als Einstieg für unsere Tour wählen wir das Sellajoch. In 2218m Höhe liegt der Pass mitten in einer mächtigen Felskulisse. Fast alle Berge rund um das Joch erreichen 2900m! Das Gebiet ist speziell bei Wanderern beliebt, die hier eine Vielzahl von Möglichkeiten für schöne Bergwanderungen und Klettertouren finden. Wir jedoch nehmen lieber die berauschenden Kehren der Talfahrt unter die Räder.
Der Weg führt uns weiter bis auf eine Höhe von 2121m zum Grödner Joch, wo wir uns in der Berggaststätte einen Cappuchino gönnen. Schon aus dem Fenster der Gaststätte erahnen wir die phantastische Strecke ins Tal. Mit feuchten Fingern fahren wir die Abfahrt hinab.
Diese Talfahrt gestaltet sich wie ein Walzer auf der Stasse. Sanft schwingend fallen wir von einer Kurve in die nächste. Hier erlebe ich einen sentimentalen Einbruch. Ich denke an meinen im Dezember verstorbenen Vater und daran, daß diese Gegend auch für ihn ein herrliches Erlebnis gewesen wäre. Tränen rollen mir über die Wangen.
Den Abschluss unserer heutigen Pässetour bildet der mit 2239m höchste befahrbare Pass der Dolomiten, das Pordoijoch. Dieser Pass ist das dritte Juwel im Bunde der rennomierten Dolomitenpässe. Das Pordoijoch bildet die Grenze zwischen den Provinzen Belluno und Trentino. Der König in dieser markanten Gesteinskulisse ist der Sass Pordoi, die Pordoispitze mit 2952m Höhe. Auf diesen Berg führt auch eine Seilbahn. Von der Bergstation genießen Naturfreunde einen grandiosen Ausblick auf die umliegende Bergwelt, u.a. auf die Marmolada mit 3322m Höhe.

Der nächste Tag führt uns aus den Dolomiten heraus. Wir fahren zum Pass der Pässe:

Das Stilfser Joch

Die Stilfser Joch Hochalpenstrasse windet sich in 48 sehr engen Kehren mit einer Streckenführung, die ihresgleichen sucht, aber wohl nicht finden wird, auf die Passhöhe von 2757m. Das Stilfser Joch stellt somit den zweithöchsten Alpenübergang dar. Von der Passhöhe aus wird uns ein phantastischer Blick auf die grandiose umliegende Gletscherwelt mit dem Ortlermassiv gewährt. Wenn man von der Paßhöhe wieder zurück auf die Straße schaut, dann sieht man fast nur noch Asphalt, so eng liegen die Auffahrten aneinander. Wer jemals diese Stecke befahren hat, wird wissen, wovon ich hier spreche.
Der weitere Weg ist als Hauptverkehrsader in die Landkarte gezeichnet, erweist sich jedoch lediglich als geschotterte Naturstraße. Über Meran und Bozen fahren wir wieder unser Quartier in Karersee an.

Nach zwei ausgefüllten Wochen und ca. 4000km mehr auf dem Tacho treten wir den Heimweg über das Timmelsjoch, durch das Ötztal und über das Hahntennjoch an. Zurück bleiben jede Menge schöne Erinnerungen und das deutliche Bedürfnis, diese Gegend wieder zu besuchen. Die 1400er Intruder ist zugegebenermaßen nicht das ideale Motrrad für die extrem kurvigen Straßen der Dolomiten. Der kräftige Motor reisst allerdings einiges wieder heraus. Durch den großen Hubraum fallen die Steigungen deutlich flacher aus, als sie es wirklich sind. Unser Bekannter mit seiner Yamaha XJ900 hatte da schon größere Probleme. Am Stilfser Joch beispielsweise fälltl in greifbarer Nähe der Paßhöhe die Motorleistung dermassen in den Keller, daß in einer Kehre kurzerhand der Motor vollkommen seinen Dienst eingestellt.

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