Chopper – was macht den Reiz aus?

choke-gr

Nach dem herausschieben des Kraftrades aus der Garage greife ich zu dem auf der linken Seite unter dem Tank, zwischen den Zylindern liegenden, verchromten Chokeknopf, um ihn 90° im Uhrzeigersinn zu drehen.
Danach greife ich unter dem Oberschenkel hindurch liebevoll verchromten Benzinhahn, um ihn auf Betriebsstellung zu drehen und danach ein paar Zentimeter dahinter den Zündschlüssel herum zu drehen. Es folgt der Druck auf den schwarzen Starterknopf, ohne zu vergessen, auch die Kupplung zu ziehen. Dann ertönt das angenehm dumpfe Bollern, welches mich später auf der gesamten Fahrt begleitet. Dann wird noch der ebenfalls verchromte Seitenständer mit lässigem Schwung eingeklappt, bevor sich der Fuss nach vorn zum Schalthebel bewegt, um die erste Fahrstufe einzulegen, die mit einem satten Klong einrastet.

Einen Augenblick später bin ich mit meinem Chopper „on the Road again“!

Mit meinem Chopper? Wie definiert sich ein Chopper?

Chopper kommen aus Amerika und haben als Basis Harley-Davidson Technik!
Diese Aussage wird häufig von Puristen getroffen, die nichts anderes, als eine Harley als Chopper durchgehen lassen.

easyrider

Der Kultfilm „Easy Rider“ hat sicher seines dazu getan, diese Meinung zu festigen, fahren doch Wyatt (Peter Fonda) und Billy (Dennis Hopper) in diesem tollen Streifen auch das amerikanische Original!
Mitte bis ende der 70er Jahre wurden zudem von vielen Zeitgenossen wirklich peinliche Chopper mit Vierzylindermotor, Stufensitzbank und Hochlenker aufgebaut, mit denen auch ich heute sicher ausschliesslich mit Vollviserhelm und verspiegeltem Visier fahren würde, damit mich niemand erkennt … Das war aber der Stil der Zeit und die gewünschte Aufmerksamkeit haben diese Umbauten bekanntlich auch in nicht unbeträchtlichem Mass auf sich gelenkt.
Dann versuchten die japanischen Großserienhersteller, auf diesen Zug aufzuspringen, indem sie auf vorhandenen Bikes sogenannte Softchopper aufbauten. Hier fallen mir sofort Modelle, wie die Honda CX500C (Zweizylinder), Honda CB750C (Vierzylinder) ein. Mit diesen Motorrädern konnte man zumindest eines: sich furchtbar lächerlich machen.

cb750c

Mittlerweile haben die Hersteller enorm dazugelernt.
1987 verblüffte dann Suzuki mit dem ersten wirklich ernst zu nehmenden Chopper, der VS 1400 Intruder. Der dicke, Schnörkellose V-2 übertrumpfte das Original sogar noch um 22ccm. Mit einem Hubraum von 1360ccm und einer absolut unauftringlichen, schlüssigen Optik ohne Spielereien, begeisterte die Suzuki die Käufer von Beginn an. Das Highlight ist aber ganz sicher der glattflächige, wirklich bildschöne Motor der VS1400. Kein grosser Wasserkühler stört das Gesamtbild dieses ersten, wirklich ernst zu nehmenden japanischen Choppers.
Im ersten Jahr wurden 1500 Einheiten an die Händler verteilt, die die Bikes nicht einmal in den Schaufenstern ausstellen mussten. Der zur verfügung stehende Bestand war in kürzester Zeit vergriffen. Viele Interessenten mussten, so sie denn eines dieser imposanten Bikes ihr Eigen nennen wollten, zu freien Händlern gehen und dort ein Exemplar erwerben, das für ein anderes Land vorgesehen war. Die Intruder verkaufte sich wie von selbst.

In den gut 20 Jahren, in denen ich nun bereits Motorrad fahre und viele, viele tausend Kilometer mit verschiedensten Zweirädern zurücklegte, stand mir der Sinn meist nach eher sportlich angehauchten Motorrädern. So standen in meiner Garage bereits Motorräder, wie die Yamaha SRX 600, Yamaha RD350YPVS, Honda CB900F Bol d’or, Honda CBR1000 und sogar Honda CBR 1100 XX. Allesamt Motorräder, die wirklich viel Spass gemacht haben.

Noch letztes Jahr stand in dieser Garage eine Suzuki VS1400 Intruder. Ein mittlerweile fast 20 Jahre lang produziertes Motorrad, das nun wirklich überhaupt nicht in diese Schublade hinein passt, mich aber trotzdem schon jahrelang fasziniert hat.

Dieses Motorrad gibt mir heute etwas ganz besonderes:

Trude-schloss-grSchon nach wenigen Kilometern, die ich mit der Trude unterwegs bin, stellt sich bei mir eine ausgeprägte Gleichgültigkeit, nein eher Gelassenheit ein.
Was interessiert es mich, ob ich 2/10 Sekunden schneller oder langsamer von 0 auf 100km/h bin? Was stört es mich, wenn mich jemand überholt, dem ich noch vor kurzen danach das Leben schwer gemacht hätte, indem ich ihm gefolgt wäre? Heute rolle ich flüssig mit dem einduchsvollen Bollern des dicken Zweizylinders weiter meine Bahn.
Ä rgere ich mich über den viel zu kleinen Tank, der gerade einmal 13 Liter fasst? NEIN, ich erfreue mich an der gelungenen Form dieses flachen Spritfasses.

So einfach und unscheinbar der Motor der grossen Intruder auch ausschaut, so faustdick hat er es doch hinter den Ohren. Der 45° V-2 Motor weist einen Hubzapfenversatz von ebenfalls 45° auf, der für deutlich weniger, wenn auch nicht vollständig eliminierten Vibrationen sorgt. Der Motorlauf und auch der Sound entsprechen dem eines 90° V-Motors und erinnern so auch an eine extrem schonend bewegte Ducati.
Der hintere Zylinder, der konstruktionsbedingt ungünstig im Windschatten des vorderen Topfes steht, wurde mit einer zusätzlichen Ölkühlung versorgt, die auch hier für Standfestigkeit sorgt. Je zwei Einlass- und ein Auslassventil, betätigt von je einer obenliegenden Nockenwelle, sorgen für den Gaswechsel, wobei die Ventilsteuerung wartungsfrei über Hydrostössel abläuft.

trude-gr64PS leistete das erste von Suzuki angebotene Mordell. In den späteren Jahren verringerte sich diese Leistung aufgrund der schärfer werdenden Umweltvorschriften auf 61PS. Dies sind keine gewaltigen Werte, jedoch interessieren den echten Fan solcher Motorräder solche Daten auch eher wenig.
Die wahren Qualitäten liegen an anderer Stelle:
Das Drehmoment dieses Motors liegt bei gewaltigen 113Nm bei lediglich 2600 U/min. Das ist es, was die Augen des wahren Chopperfreundes leuchten lässt! Souveräne Kraft in allen (vernünftigen) Lebenslagen sorgt für die weiter oben beschriebene Gelassenheit.

Das Herkunftsland echter Chopper muss also nicht zwingend Amerika sein. Ein stimmiges Gesamtkonzept vorausgesetzt, kann ein ernst zu nehmender Chopper ebenso aus Japan kommen. Der Hersteller ist hierbei vollkommen egal.
Optimierungspotential ist bei dem amerikanischen Original ebenso vorhanden, wie am japanischen Eindringling. So wurde zum Beispiel meine Intruder mit einer vorverlegten Fussrastenanlage, sowie mit einer 950mm breiten Dragbar als Lenker versehen. So ausgerüstet ist die Sitzposition auch für einen so grossen Menschen wie mich (197cm) bequem.
Die heutigen Ausfahrten mit dem Motorrad sind keine rasanten Ausritte mehr, es sind vereinzelte Genussfahrten, bei denen ich mich richtig entspannen und den täglichen Stress regelrecht abperlen lassen kann.

Natürlich wäre einer der mittlerweile weltbekannten Themenchopper aus der New-Yorker Edelschmiede Orange-County-Choppers (OCC) das Mass aller Chopperdinge. Aus Handwerklicher Sicht ganz sicher über jeden Zweifel erhaben, würde solch ein Edel-Gefährt mit eben solcher Sicherheit jedoch an den deutschen Vorschriften scheitern. Ob dies im einzelnen sinnvoll ist, oder nicht, darüber kann man trefflich streiten. Wir müssen hier in Deutschland halt mit diesen Zulassungsvorschriften der StvZO leben und uns ihnen (weitestgehend) beugen, womit die absolut begeisternden Werke von Paul und Pauli hier im Lande voraussichtlich für alle Zeiten unerreichbar bleiben.
Dem Feeling, mit sattem, tiefem Bollern durch die Gegend zu cruisen, tut das jedoch nur wenig abbruch.
Die Sendungen schaue mir immer wieder gern an und sitze mit grossen Augen und offenem Mund vor dem Glotzophon, wenn ich die begeisternden Ergebnisse aus dem nichts heranwachsen sehe. Meine Frau winkt dann schon immer ab, wenn sie erkennt, welche DVD dort gerade über die Mattscheibe flimmert…

Nach der meist längeren Tour gleitet die linke Hand wie von selbst wieder unter dem Schenkel hindurch zum Zündschlüssel, um das Triebwerk zu stoppen. Der linke Fuss schnalzt abermals lässig den verchromten Seitenständer aus bevor der Beninhahn (hatte ich schon erwähnt, dass auch der verchromt ist?) wieder auf die OFF-Stellung gedreht wird. Danach lasse ich das Motorrad auf den Ständer kippen. Mit heftigem Knistern kühlt dann das Motorrad wieder ab.

Ich fühle mich wohl!

Einen Kommentar schreiben