Ein Wiedersehen nach fast 20 Jahren

edertour-grWenn wir aus dem Urlaub wieder heim kommen, fahre ich meist über meine Hausstrecke in den heimatlichen Ort hinein. So auch an diesem Sonntag.
Ich fahre also mit Wohnmobil und Anhänger den „Pass“ herunter. als ich auf der Leitplanke einen Motorradfahrer sitzen sehe. Im vorbeifahren meine ich, das Gesicht erkannt zu haben und bremse ab. Die 50m zurück laufe ich dann und tatsächlich – es ist der Thomas B.
Thomas ist einer der Kollegen, mit denen ich vor vielen Jahren durch die Gegend gekurvt bin. Seit Jahren schon habe ich ihn nicht mehr gesehen. Mittlerweile hat es seinen damaligen Traum, einmal eine Suzuki VS1400 Intruder zu besitzen, wahr gemacht. Ein wunderschönes Motorrad in dunkelgrau-metallic steht neben ihm auf dem Seitenständer. Wir erzählen eine ganze Zeit, bevor ich dann die letzten Kilometer heimwärts fahre. Ein paar Tage später treffe ich Thomas auf meiner regelmässigen Rennrad-Runde wieder am Pass.

Wieder quatschen wir – dieses mal so lange, dass ich den Einbruch der Dunkelheit vollkommen verpasse. Da ich kein Licht am Rad habe, fährt Thomas mit dem Auto die 8km hinter mir her. Während dieses Gesprächs vereinbaren wir, am kommenden Samstag mal wieder eine Motorradtour gemeinsam zu unternehmen. So wie früher (vielleicht nicht gar so hektisch) werden wir wieder einmal den Ederstausee besuchen.
Thomas besitzt mittlerweile drei Motorräder. Eben die schon erwähnte VS1400, eine Yamaha RD350YPVS und noch eine Suzuki LS650. Für die Fahrt am Samstag wählt er die LS650.
Wir verabreden uns bereits früh am Morgen bei mir zu Hause. Ich hole pünklich beim aufschliessen der Tür, um 05:00 Brötchen beim Bäcker. Nach einem gemütlichen Frühstück holen wir dann noch die BMW aus dem Stall und fahren kurz vor 06:00 los. Jetzt, so früh am Morgen sind die Temperaturen noch richtig angenehm. Das wird sich im laufe des Tages noch ändern. Der Wetterbericht sagt bis zu 37 Grad voraus und droht dazu noch mit späteren Gewittern. Doch davon ist jetzt noch nichts zu spüren. Schnell weiss ich wieder, weshalb ich früher oft mit Thomas gefahren bin. Mit flüssiger Fahrweise fahren wir zügig, jedoch ohne übermässige Brems- oder Beschleunigungsorgien in Richtung Edertalsperre. Nach knapp 100km Fahrt machen wir das erste mal Pause und fahren ein Lokal an der Uferstrasse des Sees an. Auf die Frage nach der Karte antwortet der Kellner, es gäbe erst ab 11:00 Uhr Essen. Wir bestellen jeweils einen Kaffe. Mit dem Kaffe bringt der Kellner dann doch die Karte (leicht verwirrt, der arme…).
Nach dem Kaffee säubern wir an der „Servicestation“ des Lokals unsere Visiere, bevor wir die Motoren wieder starten. Im nächsten Ort steuern wir eine Sparkasse an, um Nachschub für die Geldbörse zu beschaffen. Dort auf dem Parkplatz bietet sich uns dann ein Schauspiel besonderer Art:
Ein sichtlich angetrunkener junger Mann pöbelt lautstark herum und ist sichtlich aufgebracht. Ein Passant scheint vor seinem Fahrrad die Strasse überquert zu haben, so dass er abbremsen musste. Seine Lebensgefährtin kann ihn nur mit grösster Mühe zurückhalten, damit er den Passanten nicht auch noch vorsätzlich verletzt. In den paar Minuten, in denen Juliane das Geld vom Automaten holt, erfahren wir du´rch die lautstarke Pöbelei der beiden, dass der junge Mann offenbar schon auf Bewährung ist und wenn er jetzt nochmal ausrastet, das Mädel die Wohnung von ihrer Sozialhilfe nicht mehr bezahlen kann. Unglaublich, was es für Menschen gibt …
An nächster Stelle unserer groben Wegplanung steht nun Warburg. Unterwegs entdecken wir Schilder, die zum Diemelstausee führen. Kurzentschlossen wählen wir diese Route. In der Nähe der Staumauer bestellen wir uns dann einen Salat und kühle Getränke.
Thomas hat kleinere Probleme mit seiner LS. Die Tachowelle, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht wie bei fast allen anderen Motorrädern vom Vorderrad angetrieben wird, sondern direkt in das Getriebe führt, ist leicht undicht. Das Teil wird demontiert, gesäubert und wieder befestigt.

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Jetzt haben wir noch knapp 50km bis nach Warburg vor uns. Bereits nach 25km fängt die Tachowelle wieder an, Öl heraus zu lassen. Da es aber nur einzelne Tropfen sind, fahren wir weiter bis zum Parkplatz der Burgruine bei Warburg. Dort wird die Schutzkleidung abgelegt und in kurzer Hose der Berg zur Ruine erklommen, während Juliane, die uns auf dem Soziussitz der BMW begleitet, sich auf eine Bank legt und die Motorräder „bewacht“.
Auf der Empore des Turms erwartet uns ein herrliches Panorama. Viele Kilometer weit kann man von hier aus blicken. Der Punkt liegt im Gegensatz der restlichen Gegend so hoch, dass die Aussicht der aus einem Flugzeug nahe kommt. Die einzelnen Felder sehen aus dieser Höhe aus, wie ein Flickenteppich. Auf dem Rückweg zum Parkplatz begegnet uns ein Schäfer, der auf der Suche nach zwei ausgebüchsten Schafen ist. Wir können ihm den Weg weisen, da uns die beiden Tiere kurz zuvor noch über den Weg gelaufen sind.
Wieder zurück am Parkplatz schläft unsere Motorradwache friedlich auf der Bank …
Abermals demontieren wir die Tachowelle, wobei ich mir erstmals den Aufbau ansehe. Irgendwie wundert es mich, dass diese Verbindung vollkommen ohne Dichtung auskommen soll. Trotzdem schrauben wir alles wieder fest und ziehen die Überwurfmutter etwas fester an.
Mittlerweile ist es 15:00 Uhr und der Magen beschwert sich, dass kein Nachschub kommt. Am Rasthof Scherfede machen wir Mittagspause. Ein leckeres Scherfeder Schnitzel für mich, sowíe eine Pizza für Juliane und Currywurst für Thomas beruhigt die Mägen, so dass es gemütlich weiter gehen kann.
Kurz später zeigt Thomas dann bereits wieder an, dass die Welle abermals das Öl hinaus wirft. Mir fällt ein Bekannter ein, der in Brilon eine LKW-Werkstatt betreibt. Ein kurzer Anruf und drei Minuten später fahren wir in seine Halle hinein. Auch er schüttelt den Kopf ob der seltsamen Konstruktion. Eine passende Papierdichtung ist schnell gefunden und montiert.
Der weitere Weg führt uns nun zunächst zum Möhnestausee. Kurz vor dem See kommen wir dann doch noch in einen Regenguss. Dank Funktionskleidung ist der Frust nicht ganz so gross. Ein grosser Vorteil des Regens ist jedoch die unmittelbar fallende Temperatur. Für mich ist es die erste Regenfahrt mit der R1150GS. Ich kann es mir nicht verkneifen, die Bremse bis zur Blockiergrenze zu ziehen, um das ABS zu testen. Vorsichtig mit deutlich verminderter Geschwindigkeit fahren wir über Arnsberg, Hellefeld und dann über kleine Dörfer, wie Linnepe und Stockum heimwärts. Kurz vor 20:00 Uhr treffen wir wieder in Plettenberg ein. Wir befüllen noch die Tanks der Maschinen, bevor wir uns dann verabschieden.
Es war nach langer Zeit mal wieder eine super angenehme Motorradtour, nicht zuletzt aufgrund der sehr ähnlichen Vorlieben und der vergleichbaren Fahrweise von Thomas und mir.
Die Tachowelle ist übrigens seit dem zwischenlegen der Dichtung trocken. Mich wundert es, wie diese Konstruktion ohne Dichtung jemals dicht sein konnte.

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