Der erste Alpenurlaub

Noch immer zählen wir das Jahr 1989. Meine Eltern sind in die Alpen gefahren, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Auch ich habe Urlaub und gondele mit meiner Yamaha SRX600 durch das Sauerland. Am Abend telefoniere ich mit meiner Mutter und erfahre, daß sie in Ettal in einer Privatpension untergekommen sind. Noch am selben Abend schaue ich auf die Landkarte, um zu sehen, wo das liegt. Ich selbst war mit dem Motorrad bis dahin noch nie in den Alpen. Deshalb entschließe ich mich kurzfristig dazu, gleich morgen früh loszufahren. Ich packe meine Sachen, sicherheitshalber noch das Zelt auf den Soziussitz und los geht es.

Ich bin gespannt, wie sich der Einzylinder auf einer so langen Autobahnetappe schlagen wird. Bis kurz vor München geht es flott und problemlos voran. Dann muckt der Motor. Jeweils, nachdem das Tempo eine Zeit lang über 140km/h liegt, hat sie Zündaussetzer.
Unter 140km/h bleibt alles unauffällig. Da ich mir im Moment keinen rechten Reim darauf machen kann, fahre ich mit Autobahn-Richtgeschwindigkeit weiter.

Die Fahrt über die Autobahn München-Garmisch stellt dann einen Höhepunkt meines Motorradfahrerlebens dar. Schon aus mehr als 60km Entfernung sehe ich, bedingt durch hervorragende Sicht, die Berge. Ich fahre und fahre – es dauert lange, bis die Gebirgsmassive langsam größer werden. Es ist ein sehr imposantes Bild, schon lange vor dem erreichen der Berge die schneebedeckten, von der Sonne angestrahlten Gipfel im Auge zu haben. Am Ende der Autobahn taucht die Straße dann in die Berge ein. Die Auffahrt nach Ettal stellt dann den krönenden Abschluß der Anfahrt dar. Eine sehr kurvige Strasse mit gutem Straßenbelag windet sich den Berg hinauf nach Ettal. Dort finde ich schnell die Pension. Ich habe Glück, ein Zimmer ist noch frei. So bleibt das Zelt dieses mal ungenutzt im Packsack.
Erschöpft trinke ich noch einen Kaffee, danach ein Bier und lege mich nach einem Stündchen auf dem Balkon schlafen.

Von der Sonne, die durch den Vorhang scheint, werde ich geweckt. Es scheint wieder ein wunderschöner Tag zu werden. Nach einem guten, reichhaltigem Frühstück starte ich den Motor mit zwei Tritten auf den Kickstarter. Das Maschinchen schnurrt wie eh und je. Kein Anzeichen von den Problemen des Vortages.
Ich fahre vorbei am Schloß Neuschwanstein und überquere kurz später die Staatsgrenze nach Österreich. Ich befahre viele kleine Alpenstraßen und auch einige Mautstrecken mit zum Teil herrlichen Ausblicken. Es ist ein wunderbarer Tag bis, ja, bis eine üble Bodenwelle einen kräftigen Schlag durchs Gebälk jagt. Dieser Schlag sorgt dafür, daß die vordere Verkleidungshalterung bricht. Die Verkleidung senkt sich bedenklich in Richtung Vorderrad. Eine Notbremsung verhindert schlimmeres. Was nun?
Ich binde zuerst den abgebrochenen Halter mit einem Spannriemen aus dem Tankrucksack am Steuerkopf hoch. Dann fahre ich sehr vorsichtig weiter zum nächsten Ort. Ich finde schnell eine Traktorenwerkstatt und baue nach kurzem Gespräch mit dem Monteur den kompletten Halter ab, um ihn dort schweißen zu lassen. Nach dem Zusammenbau geht es weiter. Zuerst vorsichtig, dann aber mit immer mehr Vertrauen in die Arbeit des Taktorenschlossers, fahre ich weiter. Der Halter scheint wieder stabil zu sein.
Ich bin, wie ich schon geschrieben habe, dieses Jahr das erste Mal mit dem Motorrad in den Alpen. Daher bin ich wie hypnotisiert von den gewaltigen Dimensionen des Gebirges. Ich komme mir selbst so unbedeutend und klein vor, zwischen diesen Felsgiganten. Dazu kommen noch die geradezu idealen Motorradstrecken, die sich in zum Teil abenteuerlicher Streckenführung die Berge hinaufwinden.
Respekt habe ich aber doch vor dieser Gegend. Eine Straßenseite fällt fast immer tief und steil ab. Deshalb fahre ich grundsätzlich mit einer entsprechenden Sicherheitsreserve. Die letzte Rille bleibt unberührt. Ich möchte mich nach kleinen Unregelmäßigkeiten nicht einige Hundert Meter tiefer am Fels klebend wiederfinden.
Auf dem Weg zum Hahntennjoch muss ich bei der Auffahrt über eine halbe Stunde an einer Ampel warten. Bauarbeiten für eine neue Brücke, die über eine Schlucht führen soll sind hier in vollem Gang. Die Verkehrsführung erfolgt bis zur Fertigstellung über eine kleine, nicht befestigte Straße, die diese Schlucht umgeht. Weil hier auch der Baustellenverkehr durchgeschleust werden muss und zudem die Verkehrsführung nur einspurig erfolgt, muß der Reisende hier viel Geduld mitbringen. Bei der heutigen Temperatur keine angenehme Sache. So unterbreche ich meine Fahrt auch für zwei Stunden Pause auf der Passhöhe.
Ausgeruht mache ich mich über den Fernpass auf den Heimweg. Von dieser Strecke bin ich etwas enttäuscht. Das mag aber auch daran liegen, daß ich mit sehr viel LKW-Verkehr konfrontiert werde.
Kurz vor der Grenze nach Deutschland verdunkelt sich der Himmel zunehmend. Im Rückspiegel sehe ich noch eine helle, von der Sonne beleuchtete Landschaft, vor mir scheint in kürze die Welt unterzugehen – eine düstere Atmosphäre. Ich halte an einem ehemaligen Tankstellengelände, um die Regenkombi überzustreifen. Auf diesen Gedanken kommt dann auch noch eine andere Gruppe deutscher Motorradfahrer. Gegenseitig helfen wir uns, die Plastikhaut über die Lederklamotten zu bekommen. Ich fahre weiter.
Die Grenze scheint heute nicht nur Landesgrenze, sondern auch Wettergrenze zu sein. Kurz nach dem einkuppeln an der Kontrollstelle scheint jemand Eimerweise das Wasser über mir auszuschütten. Wolkenbruchartig entleeren sich die tiefschwarzen Wolken.
Als ob das Sauwetter nicht schon reicht, verhilft ein Schlagloch der frischen Schweißstelle wieder zum Bruch. Mittlerweile weiß ich ja, wie die Verkleidung notdürftig mit meinem Spanngurt befestigt werden kann. Aber großen Spaß macht die Sache bei diesem Wetter nicht. Zum Glück sind es von hier aus nur noch wenige Kilometer bis zur Pension in Ettal.

Am nächsten Tag fahre ich von Ettal herunter nach Oberau und suche den dort ansässigen Ford-Händler auf. Die Monteure sind sehr nett, und überlassen mir das notwendige Werkzeug, um den Halter zu demontieren. Mit Winkelschleifer und Schleifstein mache ich die Vorarbeit. Dann darf ich sogar das Schutzgasschweißgerät nutzen. Ich ziehe eine recht saubere Schweißnaht. Das Material ist dick, so daß ich mit hoher Stromstärke arbeiten kann. Dadurch scheint mir ein ordentlicher Durchbrand gesichert. Nach dem abkühlen sprühe ich noch mit schwarzem Lack über die Schweißstelle. Nach dem ich alles wieder zusammengebaut habe trinke ich noch einen Kaffee zusammen mit den Monteuren. Sie freuen sich, weil sie mir helfen konnten und ich freue mich, weil jetzt die Verkleidung wieder stabil ist. Ich stecke noch einen 10,-DM Schein in die Kaffeekasse, weil die Monteure für die Hilfe kein Geld haben wollten. Immerhin habe ich den Mechanikern über drei Stunden auf den Füßen gestanden. Sie hatten zwar nicht viel Arbeit mit mir, da ich mich selbst um das Motorrad gekümmert habe. Ich halte es trotzdem nicht für eine Selbstverständlichkeit, mir Werkzeug und Maschinen zur Verfügung zu stellen.
Jetzt, nach dieser Reparatur habe ich zu der Verkleidung wieder vollstes Vertrauen. So schaue ich mir die Gegend um Garmisch-Partenkirchen in den nächsten Tagen auf zwei Rädern an.

Dann, nach einer erlebnisreichen Woche in den Alpen, rüste ich wieder für den Heimweg.
Die gesamte Zeit, die ich hier herumgefahren bin, hatte der Motor nicht einen einzigen Zündaussetzer. Doch schon auf der Strecke nach München treten sie wieder auf. Die gesamte Heimfahrt wird von diesen Aussetzern begleitet. Besonders unangenehm, ja sogar gefährlich wird die Sache während Überholvorgängen, wenn plötzlich keine Leistung mehr vorhanden ist, der nachfolgende Verkehr das aber noch nicht registriert. Teilweise halten die Aussetzer fast bis zum Stillstand an. Ich bin ratlos.

Zu Hause angekommen stelle ich die SRX meinem Händler zum Checken auf den Hof.
Weder bei dieser Überprüfung, noch bei den nachfolgenden Durchsichten wurde der Fehler gefunden. Immer wieder trat der Fehler auf, nie aber regelmäßig oder vorhersehbar. Allein der Zufall half mir Monate später, den Fehler zu finden…

Aber das ist eine andere Geschichte…

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